Cybermobbing

Chatten, surfen, skypen - die Internetnutzung gehört inzwischen zum Alltag von Kindern und Jugendlichen. Kaum ein Teenager, der kein Smartphone besitzt, mit dem der Gang ins Internet auch unterwegs jederzeit möglich ist. Darüber hinaus bieten die Telefone die Option, Bilder und Videos aufzunehmen und diese sofort online zu stellen. Parallel nimmt die Brisanz von Cybermobbing immer weiter zu, da sich Beleidigungen, Spott und Gemeinheiten in scheinbar anonymen Netzwerken wie Facebook in kurzer Zeit massenhaft verbreiten lassen. Das, was sich früher in einem sowohl räumlich wie auch zeitlich begrenzten Rahmen auf dem Schulhof abspielte, hat im virtuellen Raum eine Entgrenzung erfahren, welche die Opfer in bislang unbekannten Dimensionen trifft: Beleidigungen auf Facebook, entwürdigende Videos auf YouTube und nächtlicher Terror über das Handy haben in den vergangenen Jahren weltweit bereits mehrere Teenager in den Selbstmord getrieben.

Wenngleich das Thema immer präsenter wird, mangelt es noch vielfach an einer ausreichenden Aufklärung sowohl von Kindern als auch von Eltern, um der Problematik präventiv zu begegnen. Dieser Ratgeber leistet einen Beitrag, um über das Phänomen Cybermobbing zu informieren und Tipps für betroffene Opfer sowie zu den Tätern zu geben. Am Ende des Textes finden sich Adressen zum Weiterlesen sowie Kontaktstellen, die direkt Hilfe anbieten.



» Was ist Cybermobbing
Cybermobbing - Trauriges Kind
IMG Was ist Cybermobbing

Was ist Cybermobbing

Als Cybermobbing, Internetmobbing oder Cyberbullying gelten verschiedene Formen der Belästigung, Nötigung oder Diffamierung anderer Menschen unter Zuhilfenahme elektronischer Kommunikationsmittel. Mobbing-Opfer erfahren dabei permanente Schikanen in Chatrooms oder sozialen Netzwerken wie Facebook oder YouTube, wobei die Motive von Imponiergehabe gegenüber Freunden über die Reduktion potenzieller Konkurrenten bis hin zur Angst vor eigener Ausgrenzung reichen. Die Täter bedienen sich teilweise der Mittel des klassischen Mobbings und stellen die Taten beispielsweise mittels Filmsequenzen oder als Fotos ins Internet. Die Handlungen können verbal, physisch oder seltener auch nonverbal vonstattengehen.

Im Wesentlichen nennt die wissenschaftliche Literatur folgende Erscheinungsformen:

  • Flaming: kurzlebige, meist von vulgärer Sprache geprägte Auseinandersetzung im Chat.
  • Harassment: wiederholter Versand von Beschimpfungen an eine Person über
    persönliche, d. h. in der Regel nicht-öffentliche Kommunikationskanäle.
  • Denigration: Versand/Posten falscher bzw. beleidigender Aussagen über eine Person an andere innerhalb eines meist begrenzten Öffentlichkeitsraumes.
  • Impersonation: Identitätsraub, dem Aktionen folgen, die der Zielperson schaden.
  • Outing/Trickery: öffentliches Posten von Kommentaren, Bildern und Videos, die dem Ruf schaden. Trickery bezeichnet dabei das Entlocken von persönlichen Informationen durch falsche Angaben über den wahren Empfängerkreis einer Nachricht.
  • Exclusion: Ausschluss aus den Kommunikationskanälen anderer.
  • Happy Slapping: begann ursprünglich als Freizeitspaß unter britischen Jugendlichen, muss nicht zwangsläufig mit Cybermobbing einhergehen, findet jedoch vielfach gemeinsam Anwendung. Heute sind als Happy Slapping körperliche Angriffe gegen unbekannte Passanten oder Mitschüler, seltener auch Lehrer, zusammengefasst, die gefilmt und öffentlich in Internetportalen zugänglich gemacht werden. Die Angriffe erstrecken sich bis hin zum Verprügeln bis zur Bewusstlosigkeit oder zur Vergewaltigung des Opfers. Im schulischen Kontext sind vor allem psychische und verbale Formen des Happy Slappings bedeutsam und weisen eine immer stärkere Normalisierung auf.
  • „Cyber Grooming“: gezielte Anbahnung sexueller Kontakte mit Minderjährigen über das Internet, meist durch ältere Männer, die sich in Chats gegenüber Minderjährigen als gleichaltrig ausgeben. Das Ziel ist dabei, deren Vertrauen zu gewinnen, um sich in der realen Welt zu treffen und die Kinder sexuell zu nötigen/missbrauchen.
  • Cyberstalking: wie Harassment, aber bedrohlich wirkend für die Zielperson, die durch systemaische Drohungen in Angst versetzt wird.
  • Cyberthreads: Drohung, sich oder anderen physisch zu schaden.

Die Bedingung für Mobbingattacken ist ein vorherrschendes Kräfteungleichgewicht, was sowohl psychisch wie auch körperlich bedingt sein kann. Ausschlaggebend ist nicht zwangsläufig ein individueller Konflikt zwischen Täter und Opfer, sondern die Auseinandersetzung kann auch ganze Gruppen oder Klassen beteiligen. Nicht selten mutieren die eigentlichen Opfer dann selbst zu Tätern (den sogenannten Bullies), wenn sie sich gegen die hetzerischen Angriffe wehren.

Um ein Verhalten als Mobbing/Bullying zu bezeichnen und es damit von einer einzelnen Attacke oder einem harmlosen Streit zu unterscheiden, müssen vier Kriterien erfüllt sein:

  • Wiederholung

    Die Angriffe müssen wiederholt über einen längeren Zeitraum auftreten.
  • Verletzende Absicht

    Der Täter handelt gezielt, um dem Opfer Schaden zuzufügen.
  • Kräfteungleichgewicht

    Zwischen Täter und Opfer besteht ein ungleiches Kräfteverhältnis, wobei es irrelevant ist, ob dieses Kräfteungleichgewicht tatsächlich besteht oder ob das Opfer dieses lediglich als solches wahrnimmt.
  • Hilflosigkeit

    Das Opfer fühlt sich dem Täter hilflos ausgeliefert, wobei auch hier unerheblich ist, ob diese Hilflosigkeit tatsächlich besteht oder ob das Opfer diese nur als solche wahrnimmt.


» Vom Mobbing zum Cybermobbing

Vom Mobbing zum Cybermobbing

Erste Bekanntheit erzielte das Phänomen Cybermobbing insbesondere durch Schüler, die ihre Lehrer durch bloßstellende Videos und Bilder im Internet diffamierten. In diesem Zusammenhang erlangte die Plattform SpickMich.de - ursprünglich zur Bewertung von Lehrkräften geschaffen - mediales Interesse, da es auf ihr immer wieder zu Beleidigungen und Anfeindungen kam.

IMG Vom Mobbing zum Cybermobbing

Durch die technische Entwicklung hat das Handy einen immer größeren Stellenwert im Alltag von Kindern - 95 % aller Teenager ab 14 Jahren besitzen aktuell ein mobiles Telefon, viele davon ein Smartphone. Dieses wirkt identitätsstiftend innerhalb der Peergroup, dient der Alltagsorganisation und der sozialen Vernetzung gleichermaßen und erlaubt eine individualisierte Mediennutzung, die sich weitgehend der elterlichen Kontrolle entzieht. Fehlt es an selbiger und gleichzeitig an ausreichender Medienkompetenz, lauern Gefahren wie der Missbrauch zum Cybermobbing.
Zwischenzeitlich sind nicht mehr die Lehrer, sondern vor allem Schüler betroffen, die von ihren Mitschülern per Handy, in Chats und in sozialen Netzwerken wie Facebook und YouTube belästigt, beleidigt und diffamiert werden. Dies begünstigt sich vor allem durch die geringere Hemmschwelle, welche das vermeintlich anonyme Internet mit sich bringt: Der Augenkontakt mit dem Opfer bleibt ebenso aus wie unmittelbare Reaktionen, womit ein fehlendes Bewusstsein für Ausmaß und Folgen der Taten einhergeht. Dieses als „Online-Enthemmungseffekt“ bezeichnete, vor allem Jugendliche betreffende Phänomen ist auf eine mangelnde Impulskontrolle bei fehlender sozialer Kontrolle zurückzuführen:

Das Fehlen von Autoritätspersonen in diesem nicht überwachten Raum ermutigt Menschen, ihren Impulsen nachzugeben. […] In der Hand junger Menschen, die noch nicht gelernt haben, ihre Impulse zu kontrollieren, werden digitale Medien unter Umständen zu gefährlichen Waffen. (Palfrey, John / Gasser, Urs [2008]: Generation Internet, Die Digital Natives: Wie sie leben - Was sie denken - Wie sie arbeiten. Verlag Hanser. S. 113)

Als besonders problematisch erweist sich bei der virtuellen Form des Mobbings außerdem die pausenlose Verfügbarkeit - die Täter können rund um die Uhr aktiv sein und sich dabei eines großen Publikums bedienen, das weitere Unterstützung leistet. Die Opfer sind ununterbrochen erreichbar, d. h., sie können sich der Situation kaum entziehen, was sich gegebenenfalls sogar bis weit nach Beendigung des Vorfalls hinzieht, da Inhalte im Internet auch trotz Löschens verfügbar sind.



» Wer sind die Opfer?

Wer sind die Opfer?

Der Großteil der Opfer ist zwischen elf und 16 Jahren und somit in der Pubertät, in der Kinder und Jugendliche besonders anfällig für Verletzungen sind. Betroffen sind dabei vor allem jene, die auch im realen Leben aufgrund ihrer Figur oder ihres Aussehens stigmatisiert sind, oder Menschen, die sich durch ihre Sprache und Nationalität unterscheiden.

IMG Wer sind die Opfer

Der Mobbingforscher Olweus differenziert zwischen passiven Opfern, welche im Allgemeinen ängstlich bzw. unsicher sind und damit signalisieren, dass sie sich gegen etwaige Attacken nicht wehren werden, sowie provozierenden Opfern, welche durch ihr nervöses Verhalten Ärger provozieren und im Umfeld dadurch negative Reaktionen auslösen.

Als besonders gefährdet gelten vor allem Kinder, die

  • kleiner oder schwächer sind als der Durchschnitt,
  • übergewichtig sind,
  • ängstlich oder schüchtern sind;
  • sozial nicht akzeptierte Merkmale haben (keine Markenkleidung, ärmliches Aussehen etc.);
  • sich selbst aggressiv verhalten;
  • einem Elternhaus mit überbehütendem Erziehungsstil entstammen;
  • eine Behinderung aufweisen;
  • einer ethnischen Minderheit angehören.


» Das Täter-Profil

Das Täter-Profil

Entgegen der Annahme, dass Täter meist männlich sind, ergab eine Münsteraner Studie ein ausgeglichenes Verhältnis von Mädchen und Jungen. Bezeichnend ist dabei, dass 40 % die Tat als „Streich“ betitelten und damit die Ernsthaftigkeit der Lage für die Opfer vollkommen verkannten. Schuldbewusstsein war nicht vorhanden.

IMG Das Täter Profil

Der Mobbingforscher Olweus differenziert zwischen passiven Opfern, welche im Allgemeinen ängstlich bzw. unsicher sind und damit signalisieren, dass sie sich gegen etwaige Attacken nicht wehren werden, sowie provozierenden Opfern, welche durch ihr nervöses Verhalten Ärger provozieren und im Umfeld dadurch negative Reaktionen auslösen.

Mobber weisen häufig einige der folgenden Merkmale auf:

  • ihre Einstellung gegenüber Gewalt ist positiver als bei anderen Schülern;
  • Impulsivität;
  • das Bedürfnis, andere zu dominieren;
  • starkes Selbstvertrauen.

Umgekehrt können sich jedoch auch Opfer aus Rachemotiven heraus in Täter verwandeln und weisen damit gänzlich andere Merkmale - die der potenziellen Opfer - auf.



» Erscheinungsformen

Das Täter-Profil

Schüler gegen Schüler

Die klassische Form des Mobbings findet häufig zwischen Kindern bzw. Jugendlichen statt. Das Opfer wird dabei vor den Augen der Mitschüler beschimpft, verprügelt oder ausgegrenzt. Diesen Anfeindungen lässt sich durch die Einrichtung von Entspannungsräumen und Deeskalationsstrategien begegnen und die Situation damit vielfach beseitigen. Im Gegensatz dazu mobben Kinder im Internet beispielsweise durch die anonyme Verbreitung von Gerüchten oder von Filmen, die mit dem Handy erstellt wurden und teilweise aktiv herbeigeführte gewalttätige oder entwürdigende Situationen darstellen. Ebenfalls favorisiert sind Attacken, die nach dem Scheitern einer Freundschaft oder Beziehung sowie aus Neid heraus beginnen - Täter kennen in diesen Situationen oftmals intime Details der Opfer, was aufgrund der persönlichen Verletzung besonders schwerwiegende Ausmaße hat.


Mobbing zwischen Erwachsenen

Doch nicht nur Schüler, auch Erwachsene können Opfer von Cybermobbing-Attacken sein: Eine Umfrage des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) hat z. B. ergeben, dass 12 % der Nutzer sozialer Netzwerke bereits Erfahrungen mit Mobbing oder sexueller Belästigung gemacht haben. Besonders betroffen sind hier Mädchen und Frauen im Alter von 14 bis 39 Jahren.


Anfeindungen gegen Lehrpersonal

Häufig in der Kritik standen in der Vergangenheit Bewertungsportale wie SpickMich.de oder MeinProf.de, auf denen Schüler und Studenten Lehrpersonen bewerten können. Sie haben einerseits die Vorteile als Feedback-Kanäle, andererseits lassen sich diese Seiten zu Mobbingzwecken missbrauchen. Während die Portale in Frankreich zwischenzeitlich verboten wurden, ist ein Verbot in Deutschland nicht durchsetzbar, da die Bewertungen unter die freie Meinungsäußerung fallen und derartige Eingriffe in das Persönlichkeitsrecht nicht möglich sind.


Cybermobbing gegen Unternehmen

Schließlich sind Mobbing-Attacken gegen Unternehmen zu nennen, welche erheblichen finanziellen Schaden anrichten, da Rufmordkampagnen teilweise nachhaltig in den Köpfen verhaftet bleiben. Abhilfe schaffen hier insbesondere gut aufgestellte und regelmäßig gepflegte Social-Media-Kanäle, welche sich zur Kommentierung und Kontrolle von Kritik nutzen lassen. Umgekehrt geht mit der Vernachlässigung der Präsenzen die Gefahr einher, dass sich die Kritik auf verschiedene andere Webseiten verlagert.
Angriffe gegen Personen des öffentlichen Lebens äußern sich häufig in Form von sogenannten Shitstorms, in denen sich Hunderte oder Tausende Nutzer zu einem Thema äußern, wobei sie Nachrichten über das Internet verbreiten und dabei Meinungen und Beleidigungen kombinieren.



» Symptome und Folgen

Symptome und Folgen

Die Symptome können sich je nach Schwere und der persönlichen Konstitution unterschiedlich äußern. Sie reichen von Wut, Isolation und Angst über Rückzug, Vermeidung von Bereichen wie der Schule, in denen die Gefahr des Kontaktes mit anderen Kindern besteht, bis hin zu Essstörungen, Depressionen und Selbstmord. Vor allem durch die Selbstmorde von Schülerinnen wie Audrie Pott, Hannah Smith oder Rehtaeh Parsons, welche damit der unerträglichen Situation der permanenten Beleidigungen und Demütigungen entgehen wollten, rückte Cybermobbing ins gesteigerte mediale Interesse und machte auf die Ernsthaftigkeit der Problematik aufmerksam.


IMG Symptome und Folgen

Da die Opfer vielfach die Schule wechseln, um der Situation zu entgehen, ergibt sich insofern eine problematische Situation, als dass die Täter indirekt belohnt, die Opfer hingegen bestraft werden. Dies verschärft die Lage weiter und treibt die Opfer immer mehr in die Isolation, sodass neben ambulanten teilweise stationäre Behandlungen erforderlich sind.
Eine Behandlung von Patienten kann dabei bis zu drei Monaten dauern und muss stationär erfolgen, wenn das Kind nicht mehr zur Schule geht oder eine akute Suizidgefahr besteht. Das Ziel ist, ein soziales Umfeld zu schaffen, in dem sich das Kind wieder wohlfühlt und das die Isolation beseitigt. Nichtsdestotrotz bleiben teilweise Langzeitschäden zurück, die sich durch die erlebte Beschämung in einem dauerhaft verringerten Selbstwertgefühl ausdrücken.



» Rechtslage in Deutschland

Rechtslage in Deutschland

Im Gegensatz zur Gesetzeslage in Großbritannien, Südkorea und den US-Bundesstaaten Missouri und New Jersey gibt es in Deutschland bislang kein eigenes Gesetz speziell zu Cybermobbing. Auch fehlt es an einer Kooperation, wie sie in Frankreich zwischen dem Erziehungsminister und Facebook besteht, nach der Mobber identifiziert und von der Schule ausgeschlossen werden. Allerdings sind einige Delikte strafbar und lassen sich zivilrechtlich durchsetzen, sodass bereits erste Urteile gefällt wurden.

Die Strafverfolgung der Täter erschwert sich meist dadurch, dass Server im Ausland angemeldet sind, weshalb sie nicht unter deutsches Recht fallen. Zivilrechtliche Unterlassungsansprüche gelten jedoch überall auf der Welt, wonach sich Entscheide deutscher Gerichte auch im Ausland vollstrecken lassen. Besonders in Betracht kommen hierbei die Paragrafen:

IMG Rechtslage in Deutschland
  • Gewaltdarstellung (§ 131 StGB):

    Auch ein gewalttätiges Handyvideo fällt unter den Straftatbestand Gewaltdarstellungen.
  • Beleidigung (§ 185 StGB):

    Das können schon allgemeine Aussprüche wie „So ein Flittchen!“ sein.
  • Üble Nachrede (§ 186 StGB):

    Behauptungen, die sich später als falsch herausstellen, z. B. „Das ist doch ein Betrüger.“
  • Verleumdung (§ 187 StGB):

    Absichtliche Falschaussagen, die eine Person in ein schlechtes Licht rücken.
  • Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes (§ 201 StGB):

    Aufnahme des nicht öffentlich gesprochenen Wortes eines anderen oder das Abhören mit einem Abhörgerät sowie die Weitergabe an Dritte.
  • Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen (§ 201a StGB):

    Unbefugtes Herstellen, Übertragen und Weitergeben von Bildaufnahmen einer Person in einem gegen Einblick besonders geschützten Raum.
  • Straftaten gegen die persönliche Freiheit (§§ 232ff. StGB);

    insbesondere § 238 StGB (Nachstellung): Das „beharrliche“ Aufsuchen, Kontaktieren oder Bedrohen von Personen; Nötigung (§ 240 StGB); Bedrohung (§ 241 StGB): Mit Begehung eines Verbrechens an der Zielperson oder einer dieser nahe stehenden Person oder der Vortäuschung.
  • Verletzungen des Allgemeinen Persönlichkeitsrechts (Art. 1 Abs. 1 und Art. 2 Abs. 1 GG)

  • Recht am eigenen Namen (§ 12 BGB)

  • Recht am eigenen Bild (§ 22ff. KUG)

  • Wirtschaftlicher Ruf (§ 824 BGB)

Die grundrechtlich garantierte Meinungsfreiheit nach Art. 5 GG findet ihre Begrenzung vor allem im Recht der persönlichen Ehre sowie den Jugendschutzbestimmungen. Anderweitige Äußerungen lassen sich jedoch nur dann einschränken, wenn diese mit dem Ziel der Beleidigung getätigt werden und mehr als eine bloße Meinungsäußerung darstellen.



» Motive für das Cybermobbing

Motive für das Cybermobbing

Die Motive, weshalb eine Person beginnt eine andere zu diffamieren, können verschiedenster Natur sein. Vor allem Jugendliche fühlen sich lieber einer vermeintlich starken Gruppe zugehörig und mobben aus der Angst heraus, selbst Opfer einer Attacke zu werden. Ähnlich verhält es sich mit dem Bedürfnis nach Anerkennung und Prestige - der Jugendliche möchte vor seinen Freunden etwas gelten und cool sein. Damit geht teilweise eine Machtdemonstration einher, um Stärke zu zeigen, oder aber die Ablenkung von eigenen Minderwertigkeitskomplexen.
Die filmische Dokumentation der Ereignisse ist dabei vor allem auf die mediale Inszenierung zurückzuführen.

Wir alle tendieren doch dazu, dass wir Höhepunkte unseres Lebens filmisch oder fotografisch festhalten wollen. Jugendliche tun das auf ihre Weise: Für sie ist das der Höhepunkt der Woche, wenn sie jemand anderes beim Prügeln besiegt haben, wenn sie ihn richtig am Boden hatten. Und das wollen sie dann auch noch filmisch dokumentieren, es prahlend anderen zeigen und den Gegner demütigen, das ist das Motiv hinter „Happy Slapping“. (Pfeiffer, Christian [2006]: Horror-Trend „Happy Slapping“. NDR vom 28. August 2006).ch nicht gelernt haben, ihre Impulse zu kontrollieren, werden digitale Medien unter Umständen zu gefährlichen Waffen. (Palfrey, John / Gasser, Urs [2008]: Generation Internet, Die Digital Natives: Wie sie leben - Was sie denken - Wie sie arbeiten. Verlag Hanser. S. 113)


» Aktuelle Studienergebnisse zur Situation

Aktuelle Studienergebnisse zur Situation

Eine repräsentative Studie der Universität Münster und der Techniker Krankenkasse kam 2011 zu dem Ergebnis, dass 32 % der Jugendlichen und jungen Erwachsenen Opfer verschiedener Formen von Cybermobbing waren und sich 21 % der Befragten vorstellen konnten, auch als Täter aufzutreten. Eine von den Universitäten Münster und Hohenheim durchgeführte, im Juli 2013 veröffentlichte Studie in Süddeutschland, an der sich 5.600 Schüler beteiligten, kam zu dem ähnlichen Ergebnis, dass bereits jeder dritte Schüler Erfahrungen mit Mobbing hat. Untere Klassenstufen sind dabei häufiger von klassischem Mobbing betroffen, wohingegen mit zunehmendem Alter das Cybermobbing ansteigt. Dabei sind vor allem beleidigende Nachrichten verbreitet (14,5 %); halb so häufig wurden vertrauliche Informationen weitergegeben (7,9 %). Diffamierende Bilder und Videos stellen laut Umfrage jedoch die Ausnahme dar (1,9 %).
Hinsichtlich der Gewalttaten hat eine Umfrage des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen ergeben, dass von 3.600 befragten Jugendlichen jeder Zehnte Erfahrungen mit derartiger Gewalt hat. Noch höher ist die Zahl, welche die JIM-Jugendstudie des Medienpädagogischen Forschungsverbandes Südwest für das Jahr 2009 ermittelte: Hiernach hat bereits ein Drittel der befragten 1.200 Jugendlichen das Filmen einer Prügelei beobachtet, wobei die tatsächlichen Auseinandersetzungen (bei 26 %) häufiger vorkamen (bei 6 %). Dabei sind vor allem Personen zwischen 14 und 17 Jahren, meist Jungen und doppelt so häufig Hauptschüler wie Gymnasiasten, Zeugen derartiger Tätlichkeiten.

IMG Aktuelle Studienergebnisse zur Situation

Eine noch umfangreichere, auf dem Bildungsserver Berlin veröffentlichte Studie des Bündnis gegen Cybermobbing e. V. in Kooperation mit der ARAG Versicherung unter Schülern, Eltern und Lehrern kommt zu folgenden Ergebnissen: Eltern sind aufgrund der medialen Entwicklungen vielfach mit der Erziehung überfordert, was sie einerseits auf ungenügende Informationsangebote, mangelhafte Aufklärung durch Schulen, aber auch fehlende Eigeninitiative zurückführen. Dabei sind genau jene jedoch ein entscheidendes Regulativ, die zur Reduzierung von Cybermobbing beitragen können. Zwei Drittel aller Lehrer haben bereits Attacken in ihrem Umfeld erlebt, jedoch sehen sie sich selbst einem Informationsdefizit bezüglich der Gefahren durch das Internet gegenüber, sodass sie den Situationen vielfach hilflos gegenüberstehen.



» Mögliche Gegenmaßnahmen

Mögliche Gegenmaßnahmen

Die Auslöser der Konflikte und Beleidigungen finden sich nach wie vor in der realen Welt - nur dort lassen sich diese auch lösen. Die Auswirkungen hingegen, d. h. die Verbreitung von Filmen und die Beleidigung über soziale Netzwerke, finden im Internet statt und müssen dementsprechend dort bekämpft werden. Dabei reicht es nicht, die Geräte einfach auszuschalten und auf die medialen Angebote zu verzichten, sondern die Verbesserung der Medienkompetenz sowie des Verständnisses von Eltern, Lehrern und Pädagogen sind vonnöten. Für die Opfer selbst ist es besonders schwer, sich im Internet zu wehren. Argumente zeigen gegen anonyme Täter keine Wirkung und ein meist ohnehin mangelndes Selbstbewusstsein sowie die Position als Außenseiter verschärfen die Lage ebenso weiter wie der ängstliche Rückzug oder die Tendenz, dem Täter zu gefallen.

In jedem Fall sollten die Opfer die Löschung der Daten beantragen - jeder seriöse Anbieter bietet die Option, unseriöse und beleidigende Seiten zu melden. Leider lässt sich hier jedoch nicht verhindern, dass sich die Täter unter einem anderen Namen erneut anmelden. Je schneller sich das Opfer an Eltern oder Freunde wendet, desto unproblematischer lässt sich die Situation beseitigen.

Darüber hinaus können Eltern den Kindern beistehen, um die Situation zu beenden. Hierzu ist es hilfreich, sich bereits früh mit den Internetgewohnheiten des Kindes zu befassen. Häufig erfahren die Eltern erst spät, dass ihre Kinder Opfer von Cybermobbing-Attacken sind. Haben sie jedoch Kenntnis von dem Umstand, sollten sie gemeinsam mit den Kindern die Situation erörtern und die Schule, bzw. gegebenenfalls auch die Polizei, informieren.

So lassen sich potenziell betroffene Kinder erkennen:

  • Verhaltensänderungen: Plötzlicher Leistungsabfall, kein Interesse mehr am Hobby, keine Lust auf Schule sowie der Wunsch, sich zurückzuziehen und allein zu sein.
  • Körperliche Probleme: Mobbing-Opfer klagen häufig über plötzlich auftretende Kopf- und Bauchschmerzen sowie über Müdigkeit oder Schlaflosigkeit.
  • Geringere PC-Nutzung, wenig Lust auf Internet.
  • Keine Treffen mit Freunden im Lieblings-Chat oder auf SchülerVZ.
  • Ausschalten des PCs, wenn Eltern oder Freunde in die Nähe kommen.
  • Traurig, wütend oder nachdenklich nach Internetnutzung.

Die Polizei rät, nicht direkt auf beleidigende Mails oder SMS zu antworten, sondern Eltern oder andere Vertrauenspersonen einzubeziehen. Wichtig ist außerdem, das Beweismaterial zu sammeln.

Weitere Hinweise im Umgang mit der Situation bieten zahlreiche öffentliche Initiativen:

  • www.juuuport.de - Eine Selbsthilfe-Plattform der Niedersächsischen Landesmedienanstalt; ehrenamtliche Scouts zwischen 14 und 18 Jahren, die durch Fachkräfte geschult werden, geben ihren Altersgenossen Tipps.
  • www.jugendschutz.net - Hilfe bei Beschwerden an Provider.
  • www.nummergegenkummer.de - Betroffenen von Cybermobbing bietet die Nummer gegen Kummer kostenfreie telefonische Beratungsangebote, auch für Eltern: 0800/1110333 für Kinder und Jugendliche, 0800/1110550 für Eltern.
  • www.bke-beratung.de - Online-Beratung für Kinder, Jugendliche und Eltern von der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung
  • Für Fragen rund um den Jugendschutz steht seit Oktober 2008 die kostenlose Jugendschutzhotline 22988 der Mobilfunkanbieter zur Verfügung.

Bei juristischen Vorgehen ist einzukalkulieren, dass ein Gerichtsprozess kostenintensiv und die Straftäter teilweise minderjährig und damit noch nicht strafmündig sind.



» Vorsorge

Vorsorge

Statt Gegenmaßnahmen einleiten zu müssen, ist es besser Vorsorge zu ergreifen. Sicherlich schließt diese nicht aus, dass Kinder zu Opfern bzw. zu Tätern werden, jedoch verringert sich das Risiko. Entscheidend ist ein Zusammenspiel verschieder Faktoren: elterliche Fürsorge und Aufmerksamkeit, Aufklärung durch Eltern und Schule gleichermaßen, die Medienkompetenz der Kinder sowie nicht zuletzt die Einrichtung von Institutionen, die eine möglichst frühzeitige Klärung der Probleme in der realen Welt ermöglichen. An Schulen können Verhaltenskodizes und Mobbingbeauftragte den Betroffenen konkret helfen. Das Streitschlichter-Konzept bietet darüber hinaus die Möglichkeit, Konflikte konstruktiv zu bearbeiten.

Wie im realen Leben gilt auch im Internet das Prinzip der Eigenverantwortlichkeit. Das Risiko, selbst Opfer von Mobbing-Attacken zu werden, lässt sich unter anderem dadurch senken, dass keine persönlichen Daten leichtfertig hinterlassen werden, um die Angriffsfläche nicht zu vergrößern - Handynummern, Post- oder E-Mail-Adressen gehören nicht in das persönliche Profil. Nur Freunde sollten Zugriff auf das Profil haben. Für die Teilnahme an Chats und Schülerportalen einen Nickname wählen, der keine Aussagen über den Realnamen und das Alter zulässt. Des Weiteren stellen auch Chaträume mit extremen Inhalten einen Risikofaktor dar.

Ein aufklärendes Gespräch in der Familie sowie ein konstantes Interesse an den Internet-Aktivitäten der Kinder kann helfen, bereits in jungen Jahren ein Problembewusstsein zu schaffen.

In den Lehrplänen muss das Thema der Medienkompetenz stärkere Berücksichtigung finden - hier kann ein Elternbegehren helfen, dies weiter zu forcieren. Dabei muss der Umgang mit den Medien vor allem auch unter dem Aspekt der Sensibilisierung für soziale Belange erfolgen: Selbstachtung, Durchsetzungsvermögen, Eigen- und Mitverantwortlichkeit sowie die Entwicklung von Freundschaften sind ebenso relevant wie die Stärkung des Selbstbewusstseins und die Schaffung eines Problembewusstseins bei den Tätern. So wurde in Hamburg eine Initiative zur Förderung der Datenschutzkompetenz vorgestellt, welche mit den Schülern das Verhalten in der virtuellen Welt einstudieren soll.

Das Verhalten im Internet muss im Grunde genauso eingeübt werden wie im Straßenverkehr, und die Schulen ziehen die Schüler und Schülerinnen natürlich bereits ins Internet, indem dort recherchiert wird für Hausarbeiten, indem dort Referate gemacht werden. (Caspar, Johannes, zit. nach: Lundgren, Manuela (2010). Virtuelle Belästigung mit realen Folgen - Immer mehr Jugendliche klagen über Mobbing im Internet. dradio.de Hintergrund vom 31. Oktober 2010.)
In Rheinland-Pfalz hingegen dient die präventive Demokratieerziehung der Modellschulen für Partizipation und Demokratie der Entwicklung gemeinsamer Strategien gegen Ausgrenzung.



» Das Thema Cybermobbing im Unterricht

Vorsorge

Didaktisch-methodischer Kommentar

Das Thema Cybermobbing lässt sich in mehreren Schulfächern unter Zuhilfenahme unterschiedlicher Methoden thematisieren. In den Sozialwissenschaften beispielsweise ist es möglich, empirische Befragungsmethoden wie Fragebögen oder Interviews anzuwenden. Die Fokussierung auf soziale Kompetenzen ist eventuell besonders gut für den Ethikunterricht geeignet. Dabei bietet sich auch der fächerübergreifende Unterricht an, um möglichst viele Aspekte zu berücksichtigen. Unterrichtsmaterialien zum Thema gibt es im Internet bereits viele, beispielsweise auf der Webseite der Bundeszentrale für Politische Bildung (www.bpb.de).

IMG Aktuelle Studienergebnisse zur Situation

Die Thematik gestaltet sich in ihrer Durchführung nicht immer einfach: Lehrer haben Bedenken, schlafende Hunde zu wecken, oder fürchten das Ergebnis interner Befragungen. Allerdings können gerade derartige Projekte ein Bewusstsein schaffen und Verhaltensweisen aufdecken - Täter empfinden ihre Taten unter Umständen als weit weniger schlimm als die Opfer. Um die emotionale Betroffenheit der Lehrkräfte zu reduzieren, empfiehlt sich unter Umständen auch die Konsultation eines externen Experten, der mit der Thematik vertraut ist und praxiserprobte außerunterrichtliche Konzepte durchführt, die bei einem so sensiblen Thema eine gute Ergänzung oder Alternative darstellen. Dies ist vor allem dann hilfreich, wenn ein akuter Fall viel Fingerspitzengefühl erfordert, was die pädagogischen Kompetenzen vieler Lehrkräfte übersteigt.
Da das Thema nicht ignoriert werden kann und insbesondere hinsichtlich der Prävention eine langfristige Relevanz hat, ist es wichtig, dass es schulübergreifend als dauerhafte Aufgabe in Form eines Anti-Mobbingkonzepts im Schulprogramm/Schulprofil verankert wird. Darüber hinaus stellt eine positive Klassengemeinschaft die beste Vorbeugung dar: Durch die Förderung des Gemeinschaftsgefühls sowie der Toleranz gegenüber ethnischen Minderheiten oder physisch benachteiligten Kindern lassen sich Beschimpfungen und Diskriminierungen bereits im Vorfeld vermeiden.

Filme, die einen Einstieg in das Thema bilden können:

Weitere Unterrichtsmaterialien zum Thema:



» Interviews

Interviews


  • Logo Nummer gegen Kummer e.V.

    Verein Nummer gegen Kummer e.V.

    Kontakt: Nummer gegen Kummer e.V.
    Hofkamp 108
    42103 Wuppertal

    Website: www.nummergegenkummer.de

    Profil/Beschreibung: Nummer gegen Kummer e. V. ist die Dachorganisation des größten, kostenfreien, telefonischen Beratungsangebotes für Kinder, Jugendliche und Eltern in Deutschland.

    Mit seinen Mitgliedern hat Nummer gegen Kummer e.V. zwei bundesweite Netzwerke aufgebaut und bietet seit mehr als 30 Jahren Rat und Unterstützung bei kleinen und großen Problemen an.

    Die Hilfe ist anonym und kostenlos - damit aus Fragen und kleinen Sorgen keine großen Probleme und Krisen werden.

    Wie schätzen Sie die Lage zum Cyber-Mobbing ein? Ist ein Zuwachs zu verzeichnen und wie äußert sich dieser gegebenenfalls?

    Bei „Nummer gegen Kummer“ werden alle Beratungen am Kinder- und Jugendtelefon und am Elterntelefon statistisch erfasst. Hier zeigt sich, dass traditionelles Mobbing und Cyber-Mobbing gleichermaßen und gleichbleibend wichtig sind. Häufig ist auch eine Überschneidung von traditionellem Mobbing und Cyber-Mobbing zu beobachten.
    Manchmal wird der Medienbezug von den Anrufenden auch gar nicht explizit thematisiert.
    Des Weiteren fällt auf, dass es den jugendlichen Betroffenen oftmals schwer fällt, das Problem als ihr eigenes darzustellen und sie dann eher vorgeben, ein anderes Mitglied ihrer Peergroup werde gemobbt.

    Welche Folgen und Auswirkungen hat Cybermobbing für Opfer und Täter?

    Opfer von Cyber-Mobbing berichten am Kinder- und Jugendtelefon sowohl von psychischen als auch von psychosomatischen Folgen und erzählen, dass sie traurig sind und sie keiner mag. Der Schulalltag bereitet ihnen zumeist Schwierigkeiten. Angst macht ihnen besonders, dass Cyber-Mobbing im Gegensatz zum traditionellen Mobbing nicht an der Haustür endet, die private Umgebung also keinen Schutzraum mehr darstellt.

    Täter rufen nur äußerst selten an. Ein Problem, mit dem sie sich an das Kinder- und Jugendtelefon wenden, kann beispielsweise sein:

    „Ich habe, um eine Mitschülerin zu ärgern, ein Fakeprofil über diese bei Facebook eingestellt. Das tut mir nun Leid - was kann ich tun?“.

    Welche sind die häufigsten Formen des Mobbings, mit denen Sie konfrontiert werden?

    Am häufigsten wird Cyber-Mobbing im Kontext der Schule thematisiert.

    Wenngleich es sich nicht in jedem Beratungsgespräch zeigt und der Fokus oftmals auch nur auf einen einzigen Aspekt des Cyber-Mobbings gelegt wird („Ich bekomme beleidigende SMS - kann ich den Bully sperren?“), ist nicht selten eine Vermischung von realem Mobbing und Cyber-Mobbing zu vermuten.

    Was umfasst ihr Webseiten- und Beratungsangebot im Speziellen?

    Als Dachorganisation des größten kostenlosen und anonymen Beratungsangebots für Kinder, Jugendliche und Eltern stellt Nummer gegen Kummer e. V. bundesweit mehr als 100 Telefonberatungsstellen bereit, in denen ca. 4000 speziell ausgebildete ehrenamtliche Berater immer ein offenes Ohr für kleine und große Sorgen des Anrufers haben.

    Seit Projektbeginn 2008 gehört Nummer gegen Kummer e. V. zum Verbund der deutschen Partner im Safer Internet Programm der Europäischen Union. Ziel des Projektes ist es, Kindern und Jugendlichen den Umgang mit dem Internet verständlicher und sicherer zu machen. „Nummer gegen Kummer“ bietet als Helpline, also Beratungsstelle des Safer Internet Projekts, deutschlandweit Kindern und Jugendlichen sowie Eltern und anderen Erziehungsverantwortlichen telefonische Unterstützung bei Problemen im Umgang mit dem Internet an.

    Wenn Kinder und Jugendliche lieber über ihre Probleme schreiben als sprechen, können sie sich rund um die Uhr über einen passwortgeschützten Zugang auf www.nummergegenkummer.de an die em@il-Beratung wenden. Diese Form der Beratung entspricht besonders den Kommunikationsgewohnheiten der Heranwachsenden und ermöglicht zudem einen mehrfachen Kontakt mit demselben Berater.

    Wenn jemand lieber mit einem Gleichaltrigen sprechen möchte, kann er samstags die Jugendlichen vom Projekt „Jugendliche beraten Jugendliche“ erreichen.

    In welchem Umfang wird Ihr Beratungsangebot genutzt?

    Alle Berater von „Nummer gegen Kummer“ sind zu Internet- Themen und zur Beratung bei Web-Sorgen geschult und sensibilisiert für die Potenziale und Risiken im Kontext der Internetnutzung Jugendlicher.

    Cyber-Mobbing ist aktuell Thema jedes zehnten Beratungsgesprächs zu Web-Sorgen am Kinder- und Jugendtelefon. Zumeist sind es Opfer, seltener auch Täter, die Hilfe suchen, „wenn es passiert ist“. Darüber hinaus nutzen Eltern und andere erwachsene Bezugspersonen der Opfer und Täter zunehmend das Beratungsangebot am Elterntelefon.

    Was raten Sie betroffenen Kindern und Jugendlichen, die sich an Sie wenden?

    Studien haben gezeigt, dass es für die Jugendlichen eine große Hürde darstellt, sich mit ihren Problemen an jemanden zu wenden, insbesondere an jemanden außerhalb ihres direkten sozialen Umfelds. Bei „Nummer gegen Kummer“ ist diese Hemmschwelle durch die Anonymität herabgesetzt.

    Beim Beratungsgespräch selbst ist es das Wichtigste für uns, einfach für den Anrufenden da zu sein, ihn mit seinem Thema an- und ernst zu nehmen und ihm erst einmal einfach zuzuhören. Schon während des Erzählens kann sich eine erste Klärung und Entlastung ergeben („Es passiert auch anderen. Du bist nicht allein.“).

    Im weiteren Gespräch überlegen unsere Berater - im Sinne der Hilfe zur Selbsthilfe - gemeinsam mit dem Anrufenden, was in der jeweiligen Situation hilfreich sein kann und/oder an wen in seinem näheren Umfeld sich der Anrufende noch wenden könnte (Vertrauensperson). Wichtig ist unter anderem „Reagiere nicht, wenn der Bully sich meldet, denn durch deine Reaktion fühlt er sich bestätigt“. Je nach Beratungsauftrag können darüber hinaus auch technische Handlungsoptionen wie beispielsweise das konkrete Vorgehen beim Melden oder Blockieren einer Person, die unerwünschte Nachrichten schickt, im Fokus stehen. Bei Bedarf können die Berater weiterführende Beratungsstellen in der Nähe des Anrufenden nennen.

    Zusammengefasst geht es also um Entlastung, Aussprache, Information und ggf. Empfehlung weiterführender Hilfen. Es werden keine Ratschläge erteilt und Lösungen „aufgedrängt“.

    Haben Sie abschließend Empfehlungen für die Eltern betroffener Kinder, wie sie sich verhalten können, wenn sie feststellen, dass ihr Kind betroffen ist?

    Am Elterntelefon ist es wichtig, die Eltern darauf hinzuweisen, dem Kind aufmerksam zuzuhören und ihm auch zu glauben. Reaktionen wie „Ach, so schlimm wird das schon nicht sein“ sind nicht sinnvoll. Und dann sollten gemeinsam mit dem Kind Absprachen für das weitere Vorgehen getroffen werden, d.h. konkret Belege gesichert werden (z. B. Chatverläufe speichern) und auch überlegt werden, wer miteinbezogen werden soll (z. B. Vertrauenslehrer oder Streitschlichter der Schule).

    Darüber hinaus ist es angeraten, das Kind nicht jeden Tag wieder mit dem Thema zu konfrontieren und zu fragen „Na, ist es wieder passiert?“. Dennoch sollten Eltern die Situation weiter aufmerksam beobachten.

    Ein Internetverbot halten wir für unangebracht, denn das Internet ist mittlerweile zum festen Bestandteil der Kinder und Jugendlichen geworden, und es ist wichtig, dass sie sich mit problematischen Situationen auseinandersetzen.


    Vielen Dank für das Interview.


  • Harald Schmidt, Kriminaloberrat

    Name: Harald Schmidt, Kriminaloberrat

    Unternehmen: Zentrale Geschäftsstelle Polizeiliche
    Kriminalprävention der Länder und des Bundes

    Position: Leitung und Projektmanagement der Zentralen Geschäftsstelle

    Kontakt: c/o Landeskriminalamt Baden-Württemberg
    Taubenheimstraße 85
    70372 Stuttgart
    Telefon: 0711 / 5401 - 2062
    E-Mail: info@polizei-beratung .de

    Website(s): www.polizei-beratung.de

    Profil/Beschreibung: Profil der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes

    Sicherheit ist ein essenzielles Grundbedürfnis des Menschen und wesentlicher Bestandteil der Lebensqualität. Die Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes, mit der Zentralen Geschäftsstelle in Stuttgart-Bad Cannstatt, hat es sich zur Aufgabe gemacht, über die verschiedenen Formen von Kriminalität zu informieren und aufzuzeigen, wie diese verhindert werden können. Sie ist eine Institution der Innenministerkonferenz und veröffentlicht bundesweit Medien wie Broschüren, Filme und PC-Spiele. Neben entsprechender Öffentlichkeitsarbeit entwickelt die Polizeiliche Kriminalprävention themen- und zielgruppenspezifische Kampagnen. In länderübergreifend finanzierten und konzipierten Projekten geht es u.a. um Gewaltprävention, Internetkriminalität oder Einbruchschutz. Sie richten sich an die unterschiedlichsten Zielgruppen - von Lehrkräften über Gewerbetreibende bis hin zu Journalisten. Aktuelle Handlungsfelder sind der Kinderschutz mit der Broschüre „Kinderschutz geht alle an“ oder die Kampagne für mehr Einbruchschutz K-EINBRUCH.

    Seit über 40 Jahren ist die Polizeiliche Kriminalprävention der zentrale Ansprechpartner für alle Fragen der Kriminalprävention. Weitere Informationen finden Sie im Internet unter www.polizei-beratung.de

    Wie schätzen Sie die Lage zum Cyber-Mobbing ein? Ist ein Zuwachs zu verzeichnen und wie äußert sich dieser gegebenenfalls?

    Leider können wir hierzu keine Zahlen nennen, da Mobbing bzw. Cybermobbing kein eigener, recherchierbarer Straftatbestand in der Polizeilichen Kriminalstatistik ist.

    Welche Folgen und Auswirkungen hat Cybermobbing für Opfer und Täter?

    Die Opfer von Internetattacken können eine Vielzahl an Symptomen aufweisen, die auf Cybermobbing schließen lassen. Die Anzeichen ähneln anderen psychischen Belastungen. Problematisch ist, dass vor allem auch das Privatleben der Opfer von Cybermobbing geprägt ist. Diese sind häufig bedrückt, ungewöhnlich schweigsam oder nervös und angespannt. Viele Opfer leiden unter schwerwiegenden psychischen, psychosomatischen und sozialen Folgen wie Schlaf- und Lernstörungen, Schulangst, Depression, Selbstverletzungen oder körperlichen Erkrankungen. Weitere Faktoren, die insbesondere bei Schülerinnen und Schülern auf Cybermobbing hindeuten können:


    Das Opfer hat viele Ausreden für zerstörte oder scheinbar verlorengegangene persönliche Gegenstände.

    Oft treten vor einem Schulbesuch unerklärliche körperliche Beschwerden auf.

    Das Opfer erhält keine Einladungen bspw. zu Kindergeburtstagen oder Partys.

    Das Opfer will oft nicht mehr mit dem Bus in die Schule fahren oder will häufig von den Eltern gebracht und geholt werden.

    Opfer spielen ihre Situation vor Erwachsenen meist herunter.


    Auswirkungen/Folgen auf die Täter:


    Cybermobbing selbst ist kein Straftatbestand. Aber in Cybermobbing vereinigen sich einzelne Straftaten - das ist vielen Tätern/innen nicht bewusst. Beleidigungen, Drohungen oder die scheinbar harmlose Verbreitung von Bildern und Videos können ernsthafte Folgen auch für den oder die Täter haben.

    Grundsätzlich sind Kinder unter 14 Jahren strafunmündig. Bei Jugendlichen steht nicht die Bestrafung, sondern der Erziehungsgedanke im Vordergrund. In Betracht kommen in erster Linie erzieherische Weisungen und Auflagen im Sinne des Jugendgerichtsgesetzes (JGG).

    Welche sind die häufigsten Formen des Mobbings, mit denen Sie konfrontiert werden?

    Die Täter(innen) nutzen Internet- und Mobiltelefondienste zum Bloßstellen und Schikanieren ihrer Opfer. Hierzu zählen im Internet E-Mail, Online-Communities, Mikroblogs, Chats (Chatrooms, Instant Messanger), Diskussionsforen, Gästebücher und Boards, Video- und Fotoplattformen, Websites und andere Anwendungen. Mobiltelefone werden für Mobbingaktivitäten genutzt, um die Opfer mit Anrufen, SMS, MMS oder E-Mails zu tyrannisieren. Die multimediale Ausstattung der Mobiltelefone mit Foto- und Videokamera, Sprachaufzeichnungsmöglichkeit und Internetzugang gibt jungen Menschen im Kontext des Mobbings leicht nutzbare Technologien an die Hand.

    Insbesondere an Schulen tritt das Problem häufig auf. Das liegt vor allem daran, dass junge Menschen verstärkt über Soziale Netzwerke (Facebook, Wer kennt wen usw.) kommunizieren. Hänseleien und Beleidigungen finden nicht mehr nur im Klassenzimmer und auf dem Schulhof statt, sondern werden ins Internet verlagert. Dort ist es besonders leicht, andere zum Opfer zu machen - die Täter wähnen sich sicher in der Anonymität des Netzes.

    Bislang wurde Cybermobbing vor allem als ein Problem bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen wahrgenommen. Eine neue Umfrage des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) zeigt jedoch, dass auch Erwachsene davon betroffen sind. Zwölf Prozent der befragten Internet-Nutzer, die in mindestens einem Sozialen Netzwerk aktiv sind, waren in diesem Zusammenhang bereits Opfer von Mobbing und sexueller Belästigung. Dabei handelt es sich vorwiegend um weibliche Nutzer zwischen 14 und 39 Jahren.

    Was umfasst ihr Webseiten- und Beratungsangebot im Speziellen?

    Auf unserer Homepage www.polizei-beratung.de geben wir speziell Tipps für Opfer und Lehrer und verdeutlichen die Folgen für die Täter und die Opfer (http://www.polizei-beratung.de/themen-und-tipps/gefahren-im-internet/cybermobbing.html).

    Darüber hinaus verweisen wir auf unser umfangreiches Medienangebot zum Thema (Cyber-)Mobbing.

    In welchem Umfang wird Ihr Beratungsangebot genutzt?

    Das Programm Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes (ProPK) informiert die Bevölkerung, Multiplikatoren, Medien und weitere Präventionsträger über aktuelle Erscheinungsformen der Kriminalität und Möglichkeiten zu deren Verhinderung, so auch zum Thema Cybermobbing. Dies geschieht vor allem auch durch die Entwicklung und Herausgabe von Massenmedien wie Broschüren und Plakate, Filme sowie kriminalpräventive Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Damit werden die örtlichen Polizeidienststellen und andere Einrichtungen, zum Beispiel Schulen, in ihrer Präventionsarbeit, die dialogisch und kommunikativ unmittelbar mit den Zielgruppen erfolgt, unterstützt.

    Was raten Sie betroffenen Kindern und Jugendlichen, die sich an Sie wenden? Gibt es Konzepte für eine nachhaltige Präventionsarbeit?

    Beleidigende oder sogar bedrohliche E-Mails dürfen nicht toleriert werden. Kinder und Jugendliche sollten aber nicht direkt auf solche E-Mails oder SMS antworten, sondern Eltern und andere Vertrauenspersonen einbeziehen.

    Sie sollten sich Freunden oder Eltern anvertrauen. Bei Schülern sollte auch die Schule informiert werden.

    Beweismaterial aufbewahren: Die verbreiteten Bilder und beleidigenden E-Mails und SMS speichern.

    In schwerwiegenden Fällen sofort an die Polizei wenden und Anzeige erstatten.

    Bilder und Videos, die ohne Erlaubnis des darin Gezeigten veröffentlicht werden, sollten immer wieder gelöscht werden. Die Löschung kann über den Netzwerk-Betreiber vorgenommen werden. Auch so genannte Fake-Profile (die andere im Namen des Betroffenen erstellt haben) können so ebenfalls aus dem Netzwerk entfernt werden.

    Möglichst wenig Daten von sich im Internet preisgeben. In Profilen von Sozialen Netzwerken niemals die vollständige Adresse oder die Handynummer angeben.

    Möglichst wenige Bilder und Videos von sich selbst ins eigene Profil einstellen.

    Beim Anlegen des Profils die Sicherheitseinstellungen für den privaten Bereich beachten.

    Den Privatbereich nicht für jedermann freigeben, sondern stattdessen jede Freundschaftsanfrage prüfen. Grundsätzlich sollte dieser Bereich nur dem engsten Freundeskreis (also Personen aus dem realen Leben) zugänglich gemacht werden.

    Diese Vorsichtsmaßnahmen schützen beispielsweise auch vor Phishing-Attacken oder Schadsoftware.

    Wie kann eine sinnvolle Kooperation verschiedener Akteure (Polizei, Eltern, Schulen u.v.m.) aussehen?

    Eine konsequente Intervention gegen Mobbing ersetzt kein Präventionskonzept. Prävention muss frühzeitig ansetzen und darauf angelegt sein, ein gutes Schulklima zu fördern. Medienkompetenz und Zivilcourage spielen dabei eine große Rolle.

    Dazu gehören u. a. auch verbindliche Klassen- und Schulregeln. Die Vorlage hierfür kann das bekannte Anti-Bullying-Programm von Olweus sein, das enthält, wie über verschiedene Schritte und auf mehreren Ebenen ein solches Konzept an der Schule etabliert werden kann. [Anm. d. Red.: DAN OLWEUS Gewalt in der Schule Was Lehrer und Eltern wissen sollten und tun können. Verlag Hans Huber. ISBN: 3-456-82786-5] Dieses Programm wurde bereits mehrfach evaluiert und man konnte nachweisen, dass es Gewalt an der Schule zu reduzieren vermag.

    Informationen zum Anti-Bullying-Programm von Olweus finden Lehrkräfte und andere pädagogische Fachkräfte in der Handreichung „Herausforderung Gewalt: Von körperlicher Aggression bis Cybermobbing“, die kostenlos bei örtlichen (Kriminal-)Polizeilichen Beratungsstelle erhältlich bzw. über das Internet herunterladbar ist (http://www.polizei-beratung.de/medienangebot.html).

    Haben Sie abschließend Empfehlungen für die Eltern betroffener Kinder, wie sie sich verhalten können, wenn sie feststellen, dass ihr Kind betroffen ist?

    Wird Ihr Kind Opfer von Cyber-Mobbing, erhält es beispielsweise beleidigende oder sogar bedrohliche E-Mails oder SMS, sollte es diese nicht selbst beantworten, sondern möglichst eine Vertrauensperson, z. B. die Eltern oder einen Vertrauenslehrer, einbeziehen.

    Bei schwerwiegenden Fällen und Bedrohungen sollte man sich auf jeden Fall an die Polizei wenden und Anzeige erstatten. Deswegen ist es wichtig, verbreitete Bilder oder beleidigende E-Mails und SMS zu speichern.

    Cybermobbing ist zwar genau wie Mobbing nicht für sich unter Strafe gestellt. Aber in der Regel werden dabei Straftatbestände wie z. B. Beleidigung, Üble Nachrede, Verleumdung, Nötigung, Nachstellung, Verletzung der Privatsphäre (heimliche Fotos), etc. verwirklicht. Die Strafbarkeitsgrenze liegt bei 14 Jahren.

    Bilder und Videos, die ohne Erlaubnis des darin Gezeigten im Internet veröffentlicht werden, sollten gelöscht werden. Die Löschung kann über den Netzwerk-Betreiber veranlasst werden. Auch so genannte Fake-Profile (die andere im Namen des Betroffenen erstellt haben) können so ebenfalls aus dem Netzwerk entfernt werden.


    Lieber Herr Schmidt, vielen Dank für das Interview.


  • Interviewpartnerin Frau Dr. Katzer

    Name: Frau Dr. Catarina Katzer

    Unternehmen: Bündnis gegen Cybermobbing e.V.

    Position/Beruf: Gründerin, Volkswirtin, Sozialpsychologin
    & Soziologin

    Kontakt: Telefon: 0049/2207/8470404

    Website(s): www.bündnis-gegen-cybermobbing.de
    www.cyberbullying-germany.de

    Profil: Dr. Catarina Katzer gehört international zu den führenden Forschern auf dem Gebiet „Cybermobbing (Cyberbullying) und sexuelle Gewalt in der Internetwelt“. Ihre Arbeiten gelten als wegweisend für die Entwicklung eines ganzheitlichen „Präventionsmanagements mit Medien-Education“ in Schulen und Unternehmen und machen sie zur gefragten Referentin und Expertin für Kommissionen des Europarates, des Deutschen Bundestages sowie Regierungsinstitutionen und Ministerien im In- und Ausland. Sie ist Autorin des Buches „Cybermobbing - Wenn das Internet zur W@ffe wird“.

    Welche Folgen und Auswirkungen hat Cybermobbing für Opfer und Täter?

    Cybermobbing ist gravierend und noch dramatischer als das Mobbing in der Schule. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen ist die Viktimisierung endlos. Daten und Inhalte können im Internet immer wieder auftauchen. Selbst wenn auf Facebook das Profil gelöscht worden ist oder YouTube einen Film herausgenommen hat, kann dieser unter Umständen bereits tausendfach verbreitet sein und auf irgendwelchen Festplatten liegen. Schulmobbing findet im Normalfall irgendwann ein Ende, so dass die Schülerin oder der Schüler damit auch abschließen kann. Das können sie beim Cybermobbing nicht.

    Zum Zweiten ist Cybermobbing extrem öffentlich. Cyberattacken können unter Umständen von tausenden - Parallelklassen, Lehrkräften, dem Bäcker um die Ecke - gesehen werden und eben nicht nur von den eigenen Mitschülern. Jeder weiß darüber Bescheid. Das macht es für die Betroffenen noch schlimmer.

    Und wir haben noch einen dritten Punkt. Kinder und Jugendliche haben keinen Schutzraum mehr. Die Täter kommen überall dahin, wo sie sich auch befinden. Über das Internet, das Smartphone kann Cybermobbing ständig an jedem Ort stattfinden. Schulmobbing findet klassischerweise in der Schule oder auf dem Weg nach Hause statt. Das Zuhause ist für die Kinder normalerweise ein Schutzraum, aber beim Cybermobbing gibt es ihn plötzlich nicht mehr.

    Viele Opfer von Cybermobbing empfinden eine starke Hilflosigkeit und Machtlosigkeit. Sie können nicht entfliehen, wissen nicht, wie sie sich wehren können. Sie stehen der Situation völlig machtlos gegenüber. Dann kommt zum Teil noch Schamgefühl hinzu, weswegen sie Angst haben, sich anderen gegenüber zu öffnen; weder den Eltern noch den Lehrern, die sie häufig nicht als Vertrauensperson wahrnehmen. Viele Kinder haben Sorge, nicht ernst genommen zu werden. Oft fürchten sie auch, dass Eltern überreagieren und ihnen das Internet ganz verbieten könnten, wenn sie um die Probleme wüssten. Deshalb wird den Eltern das Problem verschwiegen.

    Viele empfinden aber auch Wut, und wissen nicht, wohin damit. Manche werden aggressiv. Andere Opfer von Cybermobbing ziehen sich zurück und vereinsamen. Wieder andere verändern ihr Aussehen, ziehen sich anders an. Manche Jugendliche fressen im wahrsten Sinne des Wortes alles in sich hinein, werden dick. Viele betroffene Kinder entwickeln psychosomatische Probleme wie Magenschmerzen oder Kopfschmerzen. Sie wollen nicht mehr in die Schule, um nicht noch mehr Attacken zu erleben.

    Die Traumatisierungen können sehr stark sein, die Folgen sind auch lange Zeit danach oft nicht verarbeitet. In den letzten 5-7 Jahren sind die Fallzahlen in der Jugendpsychiatrie, die auch Cybermobbing als Ursache hatten, stark gestiegen. Auch die Zahl der Suizide oder Suizidversuche Jugendlicher wegen Cybermobbings hat zugenommen. Wir müssen hier mehr Hilfe anbieten.

    Auch für die Täter bleibt ihr Verhalten häufig nicht folgenlos. Man verinnerlicht die Mobbingverhaltensweise, und wenn man dafür nicht sanktioniert wird, nimmt diese als erfolgreiche Verhaltensstrategie wahr. Als Spätfolgen im Erwachsenenleben kann eine höhere Wahrscheinlichkeit von Delinquenz, problematischen Partnerbeziehungen oder Bindungsproblemen, wie auch Probleme am Arbeitsplatz nachgewiesen werden.

    Zum Teil sind Täter aber auch selbst vorher Opfer gewesen und nutzen das Netz nun um sich zu wehren. Daran sieht man wie wichtig es ist Cybermobbing zu verhindern.

    Welche sind die häufigsten Formen des Mobbings, mit denen Sie konfrontiert werden?

    Cybermobbing stellt im Prinzip eine neue Form des klassischen Mobbings dar, wie wir es bereits aus Schulen kennen. Psychisches und verbales Mobben erfolgt nicht mehr in Situationen, in denen sich Täter und Opfer Auge in Auge gegenüberstehen, sondern in Chatrooms und auf Social-Media-Plattformen. Am häufigsten werden Jugendliche beleidigt, gehänselt, verleumdet, Gerüchte werden verbreitet, man wird ausgegrenzt, von bestimmten Gruppen auf Facebook ausgeschlossen oder in Chatgespräche nicht integriert. Auf diese Weise werden sie auch im Internet als Außenseiter behandelt. Aber auch Erpressen oder Bedrohen geschieht per E-Mail, auf Facebook oder von Handy zu Handy. Und mittlerweile werden zudem immer häufiger Fotos und Videos, die Jugendliche in peinlichen oder in ganz privaten Situationen zeigen, ohne das Wissen der Personen ins Netz gestellt.

    Das Einzige was beim Cybermobbing nicht stattfinden kann, ist physisches Mobbing. Allerdings gibt es im Internet Kombinationen von realer und virtueller Gewalt. Wenn reale Gewalt über ein Handy gefilmt, ins Netz gestellt und zum Beispiel über YouTube verbreitet wird, dann findet reale Gewalt auf einmal doch den Weg ins Netz.

    Was umfasst Ihr Webseiten- und Beratungsangebot im Speziellen?

    Das Beratungsangebot des Bündnisses bietet zum einen die Funktion einer Datenbank, die ständig im Ausbau ist, in der man Experten zum Thema Prävention, Jugendschutz und auch Cybermobbing findet. Zum anderen stellen wir auch direkt Kontakt zu Präventionsexperten oder auch spezialisierte Anwälten her.

    Was raten Sie betroffenen Kindern und Jugendlichen, die sich an Sie wenden? Gibt es Konzepte für eine nachhaltige Präventionsarbeit?

    Opfer sollten sich immer als erstes klar machen: Ich bin nicht schuld an dem, was passiert ist! Und sie sollten Verbündete suchen, andere ansprechen, auch wenn dies oft auch Mut verlangt. Es ist wichtig Cybermobbing öffentlich zu machen, Beweisstücke zu sammeln (Screenshots, Tageszeit, evtl. Nicknames etc.) und die Anbieter sowie einen Erwachsenen oder älteren Freund/Freundin darüber zu informieren, denn Cybermobbing ist kein Kavaliersdelikt und darf nicht geduldet werden!

    Erste Hilfe können auch Onlineforen wie z. B. save-me-online oder juuuport sein.

    Mir scheint es zudem wichtig, kreative Präventionsarbeit zu betreiben und Gewaltprävention auch mit neuen Medien zu verbinden. Sei es, dass Filme von den Schulen selbst gedreht werden, die Kinder die Skripte schreiben. Sei es, dass Kinder Musikstücke texten oder ein Anti-Mobbing Radio entwickeln, das einmal in der Woche oder in den Pausen läuft. Präventionsarbeit muss Spaß machen. Es ist eine verantwortungsvolle und schwerwiegende Aufgabe. Aber sie muss den Jugendlichen auch Freude bereiten. Wenn sie merken, dass Helfen Freude und Sinn macht, verändert sich auch die Einstellung: Die Helfenden, das sind die coolen Kids! Die, die mobben, sind uncool.

    Bedeutsam ist dabei auch die Aufklärungsarbeit jener Jugendlichen, die Jahre lang Opfer böser Cybermobbingattacken waren und das öffentlich machen. Sie signalisieren: „Mir ist es so gegangen, aber ich bin da raus gekommen. Und ich bin nur herausgekommen, weil ich Hilfe bekam. Alleine hätte ich das nicht geschafft!“ Diese mutigen jungen Menschen können anderen Betroffenen Mut machen. Sie bewirken auch auf Seiten der Täter einiges, weil sie zeigen: „Ihr habt uns nicht kaputt gemacht. Aber es ist falsch was ihr tut.“

    Wie kann eine sinnvolle Kooperation verschiedener Akteure (Polizei, Eltern, Schulen u. v. m.) aussehen?

    Zum einen muss das gesamte soziale Umfeld hinschauen und nicht weggucken! Dazu gehören Eltern, Lehrer und Freunde. Ganz wichtig ist also, dass das soziale Umfeld ein offenes Auge dafür hat, wenn Jugendliche sich verändern. Denn Cybermobbingopfer ändern häufig ihr Verhalten. Wenn ein Kind, das immer offen war, das sich direkt an den Laptop gesetzt, wenn es nach Hause kam oder das Smartphone herausgeholt hat, um zu schauen, was die anderen so machen, wenn so ein Kind sich plötzlich in sein Zimmer zurückzieht, die Tür zumacht, nichts essen möchte oder den Rechner schnell ausmacht, wenn man ins Zimmer kommt, dann kann das ein Zeichen für Cybermobbing sein. Auch wenn plötzlich keine Freunde mehr zu Besuch kommen, sollte man wenigstens hellhörig werden. Natürlich kann hinter all dem auch eine ganz andere Ursache stecken. Bei unseren Besuchen in Schulen ist uns aufgefallen, dass es auch hilft, bewusst mit einem fremden Blick das Geschehen im Klassenraum zu betrachten. Aus der Distanz erkennt man schnell Kommunikationsstrukturen. Man sieht, wo etwas schiefläuft und wo Jugendliche anders sind als andere Kinder. Mein Tipp an viele Lehrer lautet daher: „Gehen sie einmal mit einem anderen Blick in ihre Klasse. Schauen sie sich jedes Kind genau an, als wäre es ihnen fremd.“ Wenn man ein Kind jeden Tag sieht, geht manches unter. Die Vogelperspektive unterstützt dabei, vieles neu zu erkennen.

    Zum anderen ist es sehr wichtig, dass sich Lehrkräfte und Schulleitung proaktiv verhalten, Mobbing und Cybermobbing thematisieren und klar herausstellen, dass beides an der Schule keine Chance hat und Täter sanktioniert werden. Dabei müssen die Eltern des/der Täter/s und des Opfers mit ins Boot geholt werden. Denn ein Betroffener von Cybermobbing möchte, dass ihm geholfen wird, dass man ihn ernst nimmt und ihm zuhört. Aber er will nicht an den Pranger gestellt oder in der Klasse als Opfer vorgezeigt werden.

    Auch Elternnetzwerke, die sich an den Schulen gründen und sich mit diesen Themen befassen machen deshalb Sinn: Sie können auf diesem Weg Informationen austauschen; welche Mediennutzung bei anderen Eltern erlaubt ist und was evtl. einem anderen Mitschüler im Netz schon passiert ist.

    Die Strafanzeige bildet natürlich die letzte Stufe der Eskalation. Allerdings kann die Polizei im Vorfeld durch präventive Schulbesuche Kinder und Jugendliche über die Strafbarkeit von Cybermobbing aufklären und auch die möglichen juristischen Folgen.

    Haben Sie abschließend Empfehlungen für die Eltern betroffener Kinder, wie sie sich verhalten können, wenn sie feststellen, dass ihr Kind betroffen ist?

    Ganz wichtig: Opfer müssen das Gefühl haben, dass man ihnen glaubt und sie ernst nimmt und dass sie nicht alleine sind! Sie brauchen viel mehr Unterstützung von ihren Eltern, und keine Überreaktionen. Man muss gemeinsam nach Lösungen suchen und vor allem das Kind fragen, wie es möchte, dass vorgegangen wird. Zudem ist es immer gut sich Expertenrat zu holen - auch mal von jemandem, der in die Schule kommt und das Thema allgemein behandelt! Die Schule muss informiert werden - und es ist auch ihre Pflicht zu handeln - auch wenn dies in der Praxis nicht immer geschieht. Wir sehen, bei Schulen die aktive gegen Mobbing vorgehen, wird das Problem geringer!

    Liebe Frau Dr. Katzer, vielen Dank für das Interview.


  • Dr.Oliver S. Hartmann, Rechtsanwalt

    Name: Dr.Oliver S. Hartmann, Rechtsanwalt

    Unternehmen: Cybermobbing24 (InDe® Rechtsanwälte)

    Position: Rechtsanwalt, Kanzleigründungspartner

    Kontakt: Kurfürstendamm 186
    D-10707 Berlin, Germany
    Tel.: +49/30/33 00 60 60-0
    Fax: +49/30/33 00 60 60-1
    E-Mail: kanzlei@cybermobbing24.de

    Website(s): www.cybermobbing24.de

    Profil/Beschreibung: Cybermobbing24 ist ein Service der Anwaltskanzlei InDe® Rechtsanwälte. Wir sind eine auf Cybermobbing spezialisierte Kanzlei, d.h. ein Schwerpunkt liegt im Äußerungs- und Bildrecht sowie in dem Recht der neuen Medien. Ebenfalls beraten wir zu den Rechtsgebieten des geistigen Eigentums, also zum Urheberrecht, Marken- und Designrecht sowie zum Wettbewerbs-, Medien- und Datenschutzrecht.

    Zu unseren Mandanten gehören Privatleute und Unternehmen aus dem gesamten Bundesgebiet, die sich Cybermobbing - z.B. in Bewertungsportalen, sozialen Netzwerken und anderen Medien - ausgesetzt sehen. Wir setzen für die Oper von Cybermobbing insbesondere Unterlassungs- und Löschungsansprüche durch, sei es gegen den Täter selbst oder gegen Internetportale (facebook, Google etc.), die rechtwidrige Äußerungen oder Bildveröffentlichungen nicht beseitigen. Ferner setzen wir Schadenersatz- und Schmerzensgeld- sowie Kostenerstattungsansprüche durch, d.h. machen auch die dem Opfer entstehenden Anwaltskosten beim Täter geltend. In Fällen von Stalking und dauerhaften Belästigungen per E-Mail, Handy, SMS etc. erwirken wir für Opfer auch Gewaltschutzanordnungen gegen die Täter. Unser gesamtes Dienstleistungsangebot findet sich in der jeweiligen Rubrik unter www.cybermobbing24.de.

    Welche Folgen und Auswirkungen hat Cybermobbing für Opfer und Täter?

    Es gibt mittlerweile mehrere Studien, die alle belegen, dass Cybermobbing zu einer erheblichen psychischen Belastung für den Betroffenen führen kann. Die Auswirkungen können u.a. Schlaf- und Lernstörungen, Depressionen, Selbstverletzungen, Persönlichkeitsveränderungen (z.B. Zurückgezogenheit, Nervosität) oder gar körperliche Erkrankungen sein. Die Studien belegen, dass viele der Betroffenen ärztliche oder therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen müssen; mehr als jedes zehnte Opfer stuft sich sogar als suizidgefährdet ein.

    Die Ergebnisse dieser Studien können wir als Anwälte aus der Praxis bestätigen. Mandanten, die uns für rechtliche Hilfe kontaktieren, sind der Regel bereits massiv von Cybermobbing betroffen. Die psychische Belastung der Betroffenen ist deutlich spürbar, manche erleiden sogar Nervenzusammenbrüche und sind bereits in ärztlicher Behandlung.

    Cybermobbing findet aber auch im geschäftlichen Bereich und in der Arbeitswelt statt. Die Erscheinungsformen sind vielfältig und reichen von schlechten Produktbewertungen bis hin zu gezielt diffamierende Äußerungen, Verleumdungen, Rufschädigungen und Kreditgefährdungen. Die Folgen des Cybermobbings liegen in diesen Fällen in wirtschaftlichen Einbußen, die unter Umständen existenzgefährdend sein können, und in negativen Auswirkungen auf die berufliche Karriere. Das Phänomen des Cybermobbings hat damit auch negative Auswirkungen auf die Volkswirtschaft.

    Welche sind die häufigsten Formen des Mobbings, mit denen Sie konfrontiert werden?

    Als Anwälte für Cybermobbing haben wir mit allen Formen des Cybermobbings zu tun, also aus dem Privat-, Berufs- und Geschäftsbereich.

    Sehr häufig sind natürlich Fälle, in denen der Betroffene über öffentliche Foren, Chatrooms, soziale Netzwerke und Nachrichten (Whatsapp, E-Mail, SMS etc.) – sei es durch Äußerungen oder Fotos – gezielt beleidigt, lächerlich oder verächtlich gemacht wird.

    Was umfasst ihr Webseiten- und Beratungsangebot im Speziellen?

    Wir haben in den letzten Jahren eine Vielzahl von Cybermobbing-Fälle bearbeitet und haben deshalb unsere Kenntnisse und Erfahrungen in einer spezielle Themenwebweite unter www.cybermobbing24.de veröffentlicht. Aufgrund der Vielschichtigkeit des Cybermobbings haben wir jeweils themenspezifische Rubriken eingerichtet, wie z.B. Mobbing in der Schule www.cybermobbing24.de/index.php/schule-universitaet oder Mobbing in Bewertungsportalen (siehe dort jeweils die weiteren Unterrubriken in roten Kreisen): www.cybermobbing24.de/index.php/bewertungsportale. Neben rechtlichen Hintergründen, Informationen und Gesetzen werden auf der Webseite regelmäßig relevante Urteile sowie aktuelle Entwicklungen veröffentlicht.

    Unsere angebotenen Dienstleistungen finden sich auf der Webseite in der jeweiligen Rubrik. Dazu gehören insbesondere die gerichtliche und außergerichtliche Durchsetzung von Unterlassungs-, Schadenersatz- und Schmerzensgeldansprüchen gegen die Täter, aber auch die Geltendmachung von Löschungsansprüchen gegen Portalbetreiber (Foren, Facebook ect.) und Suchmaschinen (z.B. Entfernung von Inhalten aus der Google Trefferliste etc.). Als Opfer besteht auch ein Anspruch gegen den Täter, dass der Täter die dem Opfer entstandenen Anwaltskosten ersetzt. Solche Kostenerstattungsansprüche machen wir selbstverständlich auch gegen den Täter geltend. Ebenso erwirken wir gegen Stalker sog. Gewaltschutzanordnungen und vertreten im Medienstrafrecht, welches bei Cybermobbing – z.B. in Form der Verleumdung oder Beleidigung – gleichermaßen relevant werden kann.

    Was raten Sie betroffenen Kindern und Jugendlichen, die sich an Sie wenden? Gibt es Konzepte für eine nachhaltige Präventionsarbeit?

    Zunächst kann Betroffenen geraten werden, im Falle einer Cybermobbing-Attacke sofort die Beweise zu sichern. So sollten von den Äußerungen entsprechende Screenshots mit Datumseinblendung gemacht sowie entsprechende E-Mail und Nachrichten (whatsapp etc.) gespeichert werden.

    Sofern man sich gegen das Cybermobbing rechtlich wehren will, ist es besonders wichtig, sich schnell mit einem Anwalt in Verbindung zu setzen. Denn die Gerichte setzen in der Regel eine Frist von einem Monat ab Kenntnis von der Rechtsverletzung, in der Eilrechtschutz begehrt werden kann. Verstreicht diese Frist, wird ein Antrag auf eine einstweilige Unterlassungsverfügung grundsätzlich von den Gerichten mangels Dringlichkeit der Sache abgelehnt. Dies ist gerade in Fällen von Persönlichkeitsrechtsverletzungen besonders prekär. Denn während man eine einstweilige Verfügung gegen den Verletzer innerhalb von ca. 1 Woche bekommen kann, kann es im Rahmen einer normalen Unterlassungsklage schnell über ein Jahr dauern, bis man einen gerichtlichen Unterlassungstitel bekommt. Da man den Täter vor dem einstweiligen Verfügungsantrag mit einer angemessenen Frist noch abmahnen muss und die Erstellung eines einstweiligen Verfügungsantrag ebenfalls Zeit benötigt, sollte man – sofern man sich dagegen rechtlich wehren will – unmittelbar nach Kenntnis von der Verletzung einen auf Cybermobbing spezialisierten Anwalt beauftragen.

    Als Präventionsmaßnahme kann man generell dazu raten, so wenig wie möglich persönliche Informationen über sich im Internet zu veröffentlichen. Keinesfalls sollten die Kontaktdaten oder Handynummer veröffentlicht werden. Es sollten möglichst wenig private Bilder preisgegeben werden, da diese von Tätern gerne – z.B. auch von Ex-Partner – im Internet veröffentlicht werden. Eigene Social-Media Profile sollten möglichst nicht öffentlich zugänglich gemacht werden.

    Wie kann eine sinnvolle Kooperation verschiedener Akteure (Polizei, Eltern, Schulen u.v.m.) aussehen?

    Die Schule ist ein wichtiger Ort, Präventionsarbeit zu leisten. Kindern und Jugendlichen muss beigebracht werden, dass Cybermobbing kein Kavaliersdelikt ist und ernsthafte (strafrechtliche) Konsequenzen nach sich ziehen kann. Zudem muss Schülern die besondere Gefährdungslage des Internets vermittelt werden, nämlich die Geschwindigkeit der Verbreitung und Langlebigkeit einer einmal im Internet getätigten Äußerung. Nur bei einem Verständnis für die Technik können Jugendliche lernen, die Auswirkungen ihrer Onlineaktivitäten einzuschätzen. Jugendliche nutzen neue Medien anders als Erwachsenen – das Verständnis für die Auswirkungen muss in der Schule und durch die Eltern vermittelt werden. Die Schule kann auch über Gespräche mit den Tätern und Eltern deseskalierend einwirken. Im Schulbereich raten wir generell dazu, zunächst intern das Gespräch zu suchen und erst bei Nichteinsicht des Täters, juristische Schritte einzuleiten. Anders ist dies im Geschäfts- und Berufsbereich: Hier sollte schnell gehandelt und frühzeitig anwaltliche Hilfe in Anspruch genommen werden.

    Die Staatsanwaltschaft und Polizei ist für uns als Anwälte vor allem deshalb ein wichtiger Partner, da nur diese im Falle einer anonymen Cybermobbing-Attacke die Identität des Täters ermitteln kann. Denn bevor wir als Anwälte tätig werden können, brauchen wir eine ladungsfähige Anschrift des Täters. Oftmals kennt das Opfer den Täter aus der Schule oder dem Bekanntenkreis. Nicht unerheblich oft erfolgt Cybermobbing aber auch aus der Anonymität des Internets. In diesen Fällen muss zunächst ermittelt werden, wer der Täter ist. Zwar kann auch die Polizei nicht immer einen Täter ermitteln, allerdings haben die staatlichen Institutionen weitaus mehr Ermittlungsbefugnisse (Auskunftsansprüche gegen Internetportale, Ermittlung von IP-Adressen, Sicherung von Festplatten, Handys etc.). Daneben hat die Strafverfolgung andere Ziele, die in manchen Fällen neben der zivilrechtlichen Ahndung verfolgt werden müssen.

    Ebenso gehören Rechtschutzversicherungen zu klassischen Kooperationspartner von Anwälten, die die Anwalts- und Gerichtskosten für die Opfer übernehmen. Da allerdings nicht alle Rechtschutzversicherungen nach ihren AGBs solche Fälle abdecken, sollte vor Abschluss einer Rechtschutzversicherung geklärt werden, ob die Versicherung auch Fälle des Cybermobbings abdeckt. Mittlerweile gibt es sogar spezielle Versicherungspolicen, die speziell auf Cybermobbing zugeschnitten sind.

    Weitere sinnvolle Kooperationen sind natürlich Therapeuten und Psychologen, die die Betroffenen ärztlich betreuen. Zudem kann – vor allem im Geschäftsbereich – auch die Einschaltung von Reputationsmanagern sinnvoll sein, die die Darstellung der eigenen Person im Internet überwachen.

    Haben Sie abschließend Empfehlungen für die Eltern betroffener Kinder, wie sie sich verhalten können, wenn sie feststellen, dass ihr Kind betroffen ist?

    Cybermobbing ist kein Kavalierdelikt und sollte nicht toleriert oder bagatellisiert werden. Die psychischen Belastungen für den Betroffenen sind unbestreitbar, vor allem für Kinder und Jugendliche. Beleidigende oder falsche Äußerungen müssen nicht hingenommen werden – es gibt juristische Möglichkeiten, sich dagegen zu wehren. Dennoch sollten die Eltern vor Stellung einer Strafanzeige oder einer anwaltliche Abmahnung zunächst das Gespräch mit den Eltern des Täters suchen und die Schule einschalten. Erst wenn dies alles nicht hilft, sollte schnell anwaltliche Hilfe in Anspruch genommen werden, um keine Rechtsnachteile zu erleiden (s.o.). Abhängig von der Schwere des Cybermobbings sollten Eltern auch in Betracht ziehen, für ihr Kind therapeutische Hilfe frühzeitig in Anspruch zu nehmen.


    Lieber Herr Dr.Hartmann, vielen Dank für das Interview.



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Ergänzungen unserer Leser



  • „In meinen Präventionskursen in Schulen erlebe ich regelmäßig Kinder und Jugendliche die bei dieser Thematik weinend zusammenbrechen. Sie schildern dann Ihr Leid, das sich teilweise über Jahre hinzieht. Ich erlebe Lehrer, die den Dienst quittiere wollen, weil sie die regelmäßigen Anfeindungen nicht mehr ertragen. Mobbing hört nicht einfach auf. Mobbing hört dann auf, wenn man etwas unternimmt!“

    Peter Sommerhalter, Dozent für Prävention und Medienberatung, Präventionskurse Cybermobbing
  • „Wir empfehlen, immer als erstes ein persönliches Gespräch mit dem Klassenlehrer, da er in der Regel Opfer und Täter kennt. Wenn auch der Lehrer nicht helfen kann, sollten Eltern auf jeden Fall eine Beratungsstelle aufsuchen.“

    Mehr Tipps von den Experten von studienkreis.de unter studienkreis.de/infothek/journal/mobbing-in-der-schule.html


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